Gotha, 23.5.2025
Gestern Abend lud die SPD ins ehrwürdige Gothaer Tivoli, jenes geschichtsträchtige Gemäuer, in dem man sich ebenso gut streiten könnte. Das Thema des Abends: „Weltgeschichte im Gothaer Tivoli“ – ein Versprechen, das groß klang und zumindest ansatzweise eingelöst wurde.
Der Saal war gut gefüllt. Die Atmosphäre? Entspannt. Die Gesellschaft? Bunt gemischt – politisch gesehen jedenfalls, wenn auch durchweg demokratisch gesinnt. Ein wohliges Gefühl machte sich breit. Vielleicht lag’s an der gelungenen Mischung aus historischem Ambiente, ernsthaften Debatten und der Tatsache, dass man sich mal wieder unter Leute traute, die mehr als 280 Zeichen am Stück sagen konnten.
Professor Dr. Peter Brandt, ja genau, der Brandt-Sohn, eröffnete den Abend mit einem Referat über „Freiheit, Gleichheit, Solidarität – Mehr Demokratie wagen“. Ein Titel wie ein Wahlplakat aus besseren Zeiten – aber immerhin, der Mann hat Ahnung und bringt’s souverän rüber.
Nach einer kurzen Pause (während der sich vermutlich einige mehr Demokratie in Form eines zweiten Glases Wasser wünschten), ging es weiter mit einer Podiumsdiskussion. Mit dabei: ein Landrat, ein Betriebsrat, eine Bildungsreferentin, zwei Vertreter der Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte – und, man höre und staune, auch eine Frau: Judy Slivi. Und was soll man sagen – sie war tatsächlich ein frischer Wind in einer ansonsten recht männerdominierten Debattenrunde. Engagiert, direkt und mit der seltenen Fähigkeit, ein Thema wirklich auf den Punkt zu bringen.
Besonders spannend: Jens Möncher vom Opel-Werk in Eisenach bot einen selten ehrlichen Blick in die Sorgen der Autoindustrie – keine PR-Floskeln, sondern echte Einblicke. Auch das Thema Frieden wurde von allen Seiten betont, was in Zeiten wie diesen fast schon mutig wirkt.
Kritikpunkt? Migration, eines der drängendsten Themen der Gegenwart, fand seltsamerweise keinen Platz auf dem Podium. Vielleicht war’s Absicht, vielleicht Versehen – bleibt offen. Offen blieb leider auch einiges an Gesprächsbedarf, denn pünktlich um 22:00 Uhr zog der Versammlungsleiter den Schlussstrich, als hätte man Angst, das Tivoli verwandle sich nach Mitternacht in einen Ort radikaler Meinungsvielfalt. Judy Slivi konnte immerhin noch in letzter Sekunde eine Frage beantworten – fast wie ein demokratischer Cliffhanger.
Fazit: Trotz kleiner Schwächen war die Veranstaltung gut vorbereitet und solide durchgeführt. Kein verschenkter Abend – und definitiv mehr als nur eine Fußnote in der Weltgeschichte des Tivoli.
Rainer J.






